Eucharistische Hochgebete der Weltkirche

Vergleichende Analyse der Anaphorae und Wandlungsworte aller liturgischen Traditionen

Canon Romanus - Der klassische römische Kanon

Canon Missae - Vollständiger Text

Charakteristika des Römischen Kanons

  • Alter: Kernbestand aus dem 4.-6. Jahrhundert
  • Struktur: Keine explizite Epiklese, Wandlung durch Einsetzungsworte
  • Opfertheologie: Explizite Opferterminologie vor und nach der Konsekration
  • Besonderheit: Stille Rezitation, objektive Ordnung

Historische Dokumentation des Canon Romanus

Der Römische Kanon (Canon Actionis) ist das Herzstück der westlichen Liturgie. Seine Geschichte lässt sich über 1600 Jahre zurückverfolgen:

  • 4. Jahrhundert: Der Hl. Ambrosius von Mailand zitiert in De Sacramentis bereits wesentliche Teile (Quam oblationem, Qui pridie).
  • Sacramentarium Leonianum (Veronense): Die älteste Sammlung römischer Libelli (5./6. Jh.), dokumentiert in einer Handschrift des 7. Jh.
  • Sacramentarium Gelasianum (Reg. lat. 316): Das wichtigste Zeugnis der presbyterialen Liturgie des 6. Jahrhunderts. Hier erscheint die Überschrift "Incipit canon actionis".
  • Sacramentarium Gregorianum: Die Standardisierung unter Papst Gregor dem Großen (um 600), der die heute noch gültige Form der Heiligenlisten (Communicantes/Nobis quoque) festlegte.

Te igitur - Eröffnung des Kanons

Te igitur, clementissime Pater, per Iesum Christum Filium tuum Dominum nostrum, supplices rogamus ac petimus uti accepta habeas et benedicas ✠ haec dona, haec munera, haec sancta sacrificia illibata.
Dich also, gütigster Vater, bitten wir demütig durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn, und flehen zu Dir: nimm wohlgefällig an und segne ✠ diese Gaben, diese Geschenke, diese heiligen, makellosen Opfer.

Quam oblationem - Verwandlungsbitte (Römische "Epiklese")

Quam oblationem tu, Deus, in omnibus, quaesumus, benedictam ✠, adscriptam ✠, ratam ✠, rationabilem, acceptabilemque facere digneris: ut nobis Corpus ✠ et Sanguis ✠ fiat dilectissimi Filii tui Domini nostri Iesu Christi.
Diese Opfergabe mache Du, o Gott, in jeder Hinsicht, so bitten wir, gesegnet ✠, gültig ✠, rechtmäßig ✠, geistig und Dir wohlgefällig: damit sie uns werde Leib ✠ und Blut ✠ Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

Konsekration - Wandlungsworte

HOC EST ENIM CORPUS MEUM
HIC EST ENIM CALIX SANGUINIS MEI, NOVI ET AETERNI TESTAMENTI: MYSTERIUM FIDEI: QUI PRO VOBIS ET PRO MULTIS EFFUNDETUR IN REMISSIONEM PECCATORUM.
DAS IST MEIN LEIB
DAS IST DER KELCH MEINES BLUTES, DES NEUEN UND EWIGEN BUNDES: GEHEIMNIS DES GLAUBENS: DER FÜR EUCH UND FÜR VIELE VERGOSSEN WIRD ZUR VERGEBUNG DER SÜNDEN.

Grammatische & Philologische Anmerkung zum "QUI"

In der lateinischen Formel "Hic est enim Calix Sanguinis mei... qui pro vobis... effundetur" bezieht sich das Relativpronomen qui (maskulin) grammatikalisch eindeutig auf Calix (Kelch, maskulin).

Die Krux der Übersetzung: Wird qui mit "der" übersetzt, bezieht es sich auf den Kelch. Wird es mit "das" übersetzt, bezieht es sich auf das Blut. In der byzantinischen Tradition (Griechisch: to haima... to... ekchynnomenon) ist der Bezug auf das Blut (Neutrum) eindeutig. Im lateinischen Ritus bleibt durch die Maskulinität beider Begriffe (Calix/Sanguis) eine theologische Spannung, wobei die ältere deutsche Fassung oft "der" (Kelch) nutzte, während moderne Fassungen das "Blut" (das) betonen.

Unde et memores - Postkonsekriatorische Darbringung

Unde et memores, Domine, nos servi tui, sed et plebs tua sancta... offerimus praeclarae maiestati tuae de tuis donis ac datis hostiam ✠ puram, hostiam ✠ sanctam, hostiam ✠ immaculatam, Panem ✠ sanctum vitae aeternae et Calicem ✠ salutis perpetuae.
Daher gedenken wir, Herr, Deine Diener und Dein heiliges Volk... Wir bringen Deiner erhabenen Majestät von Deinen Gaben dar ein reines ✠ Opfer, ein heiliges ✠ Opfer, ein makelloses ✠ Opfer, das heilige ✠ Brot des ewigen Lebens und den Kelch ✠ des immerwährenden Heiles.

Theologische Besonderheiten des Römischen Kanons

Keine explizite Epiklese: Im Unterschied zu allen östlichen Traditionen kennt der römische Kanon keine ausdrückliche Anrufung des Heiligen Geistes. Die Wandlung geschieht durch die Kraft der Einsetzungsworte selbst.

Opferterminologie: Sowohl vor ("sacrificia illibata") als auch nach ("hostiam puram") der Konsekration wird explizit von Opfer gesprochen - eine Klarheit, die in östlichen Liturgien oft weniger ausgeprägt ist.

"Pro multis": Die Formel "für viele" wird strikt beibehalten und hat soteriologische Bedeutung.

Byzantinische Anaphorae

Anaphora des Heiligen Johannes Chrysostomus

Eucharistisches Gebet

Εὐχαριστοῦμέν σοι, Κύριε ὁ Θεὸς ἡμῶν, ὅτι κατηξίωσας ἡμᾶς παραστῆναι τῷ ἁγίῳ σου θυσιαστηρίῳ καὶ προσπεσεῖν τῷ ἐλέει σου ὑπὲρ τῶν ἡμετέρων ἁμαρτημάτων καὶ τῶν τοῦ λαοῦ ἀγνοημάτων.
Wir danken Dir, Herr, unser Gott, dass Du uns gewürdigt hast, vor Deinem heiligen Altar zu stehen und zu Deiner Barmherzigkeit zu flehen wegen unserer Sünden und der Unwissenheit des Volkes.

Epiklese - Anrufung des Heiligen Geistes

Καὶ ποίησον τὸν μὲν ἄρτον τοῦτον τίμιον Σῶμα τοῦ Χριστοῦ σου, τὸ δὲ ἐν τῷ ποτηρίῳ τούτῳ τίμιον Αἷμα τοῦ Χριστοῦ σου, μεταβαλὼν τῷ Πνεύματί σου τῷ Ἁγίῳ. Ἀμήν, ἀμήν, ἀμήν.
Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib Deines Christus, und das in diesem Kelch zum kostbaren Blut Deines Christus, verwandelnd durch Deinen Heiligen Geist. Amen, Amen, Amen.

Einsetzungsworte (innerhalb der Anaphora)

Λάβετε, φάγετε· τοῦτό μού ἐστι τὸ Σῶμα τὸ ὑπὲρ ὑμῶν κλώμενον εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν.
Πίετε ἐξ αὐτοῦ πάντες· τοῦτό ἐστι τὸ Αἷμά μου τὸ τῆς καινῆς διαθήκης, τὸ ὑπὲρ ὑμῶν καὶ πολλῶν ἐκχυννόμενον εἰς ἄφεσιν ἁμαρτιῶν.
Nehmet, esset; das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.
Trinket alle daraus; das ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Besonderheiten der byzantinischen Anaphora

Epiklese nach den Einsetzungsworten: Die orthodoxe Theologie sieht in der Epiklese den eigentlichen Wandlungsmoment, nicht in den Einsetzungsworten allein.

Dreifaches Amen: Die Gemeinde antwortet mit dreifachem Amen auf die Epiklese - Ausdruck der trinitarischen Theologie.

"Für euch und viele": Auch hier wird "pro multis" beibehalten.

Anaphora des Heiligen Basilius des Großen

Erweiterte Epiklese

Ἡμεῖς οὖν, Δέσποτα ἅγιε, δεικνύντες τὰ σωτήρια ταῦτα πάθη, μνημονεύομεν τοῦ σταυρικοῦ θανάτου, τῆς τριημέρου ταφῆς, τῆς ἐκ νεκρῶν ἀναστάσεως, τῆς εἰς οὐρανοὺς ἀναβάσεως, τῆς ἐκ δεξιῶν καθέδρας, τῆς δευτέρας καὶ ἐνδόξου παρουσίας.
Wir also, heiliger Herrscher, zeigen diese heilbringenden Leiden und gedenken des Kreuzestodes, der dreitägigen Grablegung, der Auferstehung von den Toten, der Himmelfahrt, des Sitzens zur Rechten und der zweiten und glorreichen Wiederkunft.
< class="greek-text"> Τὰ σὰ ἐκ τῶν σῶν σοὶ προσφέροντες κατὰ πάντα καὶ διὰ πάντα, ὑμνοῦμέν σε, εὐλογοῦμέν σε, εὐχαριστοῦμέν σοι, Κύριε, καὶ δεόμεθά σου, ὁ Θεὸς ἡμῶν.
Das Deine aus dem Deinen bringen wir Dir dar in allem und für alles, wir pre Dich, segnen Dich, danken Dir, Herr, und bitten Dich, unser Gott.

Theologische Dichte der Basilius-Liturgie

Die Basilius-Anaphora ist theologisch dichter und ausführlicher als die Chrysostomus-Liturgie. Sie enthält eine vollständige Heilsgeschichte und eine besonders feierliche Epiklese.

Glagolitischer Ritus - Römischer Kanon in kirchenslawischer Sprache

Missa Glagolitica - Kroatien und Dalmatien

Historischer Hintergrund

Der glagolitische Ritus ist eine einzigartige Tradition in der katholischen Kirche: Es ist der römische Kanon in kirchenslawischer Sprache, der seit dem 9. Jahrhundert in Kroatien, Dalmatien und Teilen Böhmens gefeiert wird. Papst Johannes VIII. erlaubte 880 die Verwendung der slawischen Sprache in der römischen Liturgie.

  • Liturgische Familie: Römischer Ritus
  • Sprache: Kirchenslawisch (Altslawisch)
  • Schrift: Ursprünglich glagolitisch, später kyrillisch
  • Verbreitung: Kroatien, Istrien, Dalmatien
  • Status: Vollständig katholisch, päpstlich approbiert

Te igitur - Kirchenslawisch

Тебе убо милостивѣишии отче чрѣзъ Іисуса Христа сына твоего господа нашего смѣрено молимъ и просимъ да пріемлеши и благословиши ✠ сія дары, сія дарованія, сія святая жертвы непорочныя.
Dich also, gütigster Vater, durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Herrn, bitten wir demütig und flehen: nimm an und segne ✠ diese Gaben, diese Geschenke, diese heiligen, makellosen Opfer.

Quam oblationem - Verwandlungsbitte

Сію же жертву рабства нашего боже во всѣхъ молимъ благословену ✠ написану ✠ утвержену ✠ разумну и пріемлему сотворити благоволи да намъ тѣло ✠ и кровь ✠ будетъ возлюбленаго сына твоего господа нашего Іисуса Христа.
Diese Opfergabe unseres Dienstes, o Gott, in allem, so bitten wir, gesegnet ✠, aufgeschrieben ✠, bestätigt ✠, vernünftig und annehmbar zu machen geruhe: damit sie uns Leib ✠ und Blut ✠ werde Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

Wandlungsworte - Kirchenslawisch

СЕ ЕСТЬ ТѢЛО МОЕ
СЕ ЕСТЬ ЧАША КРОВЕ МОЕ НОВАГО И ВѢЧНАГО ЗАВѢТА ТАИНА ВѢРЫ ЯЖЕ ЗА ВЫ И ЗА МНОГЫ ПРОЛЬЕТСЯ ВО ОСТАВЛЕНІЕ ГРѢХОВЪ
DAS IST MEIN LEIB
DAS IST DER KELCH MEINES BLUTES DES NEUEN UND EWIGEN BUNDES, GEHEIMNIS DES GLAUBENS, DAS FÜR EUCH UND FÜR VIELE VERGOSSEN WIRD ZUR VERGEBUNG DER SÜNDEN

Unde et memores - Postkonsekriatorische Darbringung

Тѣмже и поминающе господи мы рабы твои но и людіе твои святіи... приносимъ преславнѣи величности твоеи отъ твоихъ даровъ и данныхъ жертву ✠ чисту жертву ✠ святу жертву ✠ непорочну хлѣбъ ✠ святыи живота вѣчнаго и чашу ✠ спасенія вѣчнаго.
Daher gedenkend, Herr, wir Deine Knechte und Dein heiliges Volk... bringen wir Deiner ruhmreichen Majestät von Deinen Gaben dar ein reines ✠ Opfer, ein heiliges ✠ Opfer, ein makelloses ✠ Opfer, das heilige ✠ Brot des ewigen Lebens und den Kelch ✠ des ewigen Heils.

Einzigartigkeit des glagolitischen Ritus

Römische Theologie in slawischer Sprache: Der glagolitische Ritus beweist, dass die römische Opfertheologie nicht an die lateinische Sprache gebunden ist. Die Opferterminologie wird vollständig beibehalten.

Keine byzantinischen Einflüsse: Obwohl in slawischer Sprache, folgt die Liturgie strikt dem römischen Kanon ohne östliche Elemente.

Päpstliche Approbation: Dieser Ritus zeigt, dass die römische Kirche schon im 9. Jahrhundert liturgische Inkulturation zuließ, ohne die dogmatische Substanz zu gefährden.

Der glagolitische Ritus wird heute noch in einigen Pfarreien Kroatiens und Istriens gefeiert und ist vollständig von Rom anerkannt.

Armenische Liturgie des Heiligen Gregor des Erleuchters

Anaphora Sancti Gregorii Illuminatoris

Charakteristika der armenischen Liturgie

  • Liturgische Familie: Eigenständige armenische Tradition
  • Alter: 4.-5. Jahrhundert (Gregor der Erleuchter, gest. 326)
  • Besonderheiten: Keine Ikonostase, eigene Kalenderrechnung
  • Sprache: Klassisches Armenisch (Grabar)
  • Verbreitung: Armenisch-Apostolische und Armenisch-Katholische Kirche

Eröffnung der Anaphora

Գոհութիւն քեզ Տէր Աստուած մեր, որ արժանի արարեր զմեզ կանգնել առաջի սուրբ սեղանոյս քոյ եւ պաշտել զանուն քո սուրբ:
Dank sei Dir, Herr, unser Gott, der Du uns gewürdigt hast, vor Deinem heiligen Altar zu stehen und Deinen heiligen Namen anzubeten.

Epiklese der armenischen Liturgie

Եւ արդ, ողորմած Տէր, առաքեա զՀոգին քո Սուրբ ի վերուստ յերկնից ի վերայ մեր եւ ի վերայ պատարագիս այսորիկ որ մատուցաւ:
Und nun, barmherziger Herr, sende Deinen Heiligen Geist von oben aus dem Himmel auf uns herab und auf diese Opfergabe, die dargebracht wurde.

Wandlungsworte - Armenisch

Առէք եւ կերայք, այս է մարմին իմ որ ի վերայ ձեր խառնի ի թողութիւն մեղաց:
Արբէք ի սմանէ ամենեքեան, այս է արիւն իմ նորոյ կտակարանի, որ ի վերայ ձեր եւ բազմաց հեղու ի թողութիւն մեղաց:
Nehmet und esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.
Trinket alle daraus, das ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Postkonsekriatorische Darbringung

Եւ արդ, Տէր, մատուցանեմք քեզ զսուրբ մարմինս եւ զպատիւ արիւնս Որդւոյ քոյ, եւ գոհանամք քեզ ի վերայ այս մեծ շնորհացս:
Und nun, Herr, bringen wir Dir dar den heiligen Leib und das kostbare Blut Deines Sohnes, und wir danken Dir für diese große Gnade.

Besonderheiten der armenischen Tradition

Eigenständige Entwicklung: Die armenische Liturgie entwickelte sich unabhängig von byzantinischen und römischen Einflüssen und bewahrt sehr alte Traditionen.

Epiklese vor und nach der Konsekration: Die armenische Liturgie kennt sowohl eine vorbereitende als auch eine vollendende Epiklese.

Opferverständnis: Starke Betonung descharakters, ähnlich der römischen Tradition, aber in eigenständiger Formulierung.

"Für viele": Auch die armenische Tradition bewahrt "pro multis".

Syrische Liturgietraditionen

Anaphora des Heiligen Jakobus (Westsyrisch)

Die syrisch-aramäische Liturgiefamilie

Die syrischen Liturgien sind die ältesten kontinuierlich gebrauchten christlichen Liturgien und werden in der Sprache Jesu gefeiert. Sie gliedern sich in:

  • Westsyrisch: Jakobus-Anaphora, Maronitische Liturgie
  • Ostsyrisch: Addai und Mari, Theodor von Mopsuestia
  • Sprachen: Syrisch-Aramäisch, Arabisch

Eröffnung der Jakobus-Anaphora

ܠܟ ܡܘܕܝܢܢ ܡܪܝܐ ܐܠܗܐ ܕܟܠ ܕܐܫܘܝܬܢ ܠܡܩܡ ܩܕܡ ܡܕܒܚܐ ܩܕܝܫܐ ܕܝܠܟ
Dir danken wir, Herr, Gott aller, der Du uns gewürdigt hast, vor Deinem heiligen Altar zu stehen.

Epiklese der Jakobus-Liturgie

ܘܫܕܪ ܡܪܝܐ ܪܘܚܐ ܩܕܝܫܐ ܡܢ ܫܡܝܐ ܥܠ ܩܘܪܒܢܐ ܗܢܐ ܕܡܬܩܪܒ ܠܟ
Und sende, Herr, den Heiligen Geist vom Himmel auf diese Opfergabe, die Dir dargebracht wird.

Einsetzungsworte - Syrisch-Aramäisch

ܣܒܘ ܐܟܘܠܘ ܗܢܐ ܦܓܪܝ ܕܡܬܬܒܪ ܚܠܦܝܟܘܢ ܠܫܘܒܩܢ ܚܛܗܐ
ܐܫܬܘ ܡܢܗ ܟܠܟܘܢ ܗܢܐ ܕܡܐ ܕܝܠܝ ܕܕܝܬܩܐ ܚܕܬܐ ܕܡܬܐܫܕ ܚܠܦܝܟܘܢ ܘܚܠܦ ܣܓܝܐܐ ܠܫܘܒܩܢ ܚܛܗܐ
Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.
Trinket alle daraus, das ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Besonderheiten der westsyrischen Tradition

Aramäisch - die Sprache Jesu: Die syrischen Liturgien bewahren die Sprache, in der Jesus selbst das Abendmahl gefeiert hat.

Sehr ausführliche Epiklese: Die Anrufung des Heiligen Geistes ist besonders feierlich und ausführlich.

Starker Opfercharakter: Trotz östlicher Tradition sehr explizite Opfersprache.

Anaphora von Addai und Mari (Ostsyrisch)

Besonderheit: Anaphora ohne Einsetzungsworte

Die Addai-und-Mari-Anaphora ist liturgiegeschichtlich einzigartig: Sie enthält keine expliziten Einsetzungsworte, sondern nur eine Anamnese des Abendmahls. Trotzdem erkennt die römische Kirche seit 2001 ihre Gültigkeit an.

Anamnese statt Einsetzungsworte

ܘܗܘܐ ܠܢ ܡܪܝܐ ܦܓܪܐ ܘܕܡܐ ܕܡܫܝܚܐ ܠܚܘܣܝܐ ܕܚܛܗܐ ܘܠܚܘܕܬܐ ܕܚܝܐ ܕܠܥܠܡ
Es sei uns, Herr, Leib und Blut des Messias zur Vergebung der Sünden und zur Erneuerung des ewigen Lebens.

Theologische Einordnung

Diese Anaphora zeigt, dass die Gültigkeit der Eucharistie nicht ausschließlich an den wörtlichen Einsetzungsworten hängt, sondern an der Gesamtintention der Kirche, das zu tun, was Christus getan hat.

Alexandrinische Liturgietraditionen

Koptische Liturgie des Heiligen Basilius

Die alexandrinische Liturgiefamilie

  • Ursprung: Alexandria (Ägypten), 3.-4. Jahrhundert
  • Sprachen: Koptisch, Ge'ez (Äthiopisch), Arabisch
  • Verbreitung: Ägypten, Äthiopien, Eritrea
  • Besonderheiten: Sehr ausführliche Anaphorae, reiche Symbolik

Koptische Epiklese

ⲟⲩⲱⲣⲡ ⲙⲡⲉⲕⲡⲛⲉⲩⲙⲁ ⲉⲑⲟⲩⲁⲃ ⲉⲃⲟⲗ ϧⲉⲛ ⲧⲫⲉ ⲉϫⲉⲛ ⲛⲁⲓⲇⲱⲣⲟⲛ ⲛⲁⲓ ⲉⲧⲭⲏ ⲛⲁϩⲣⲁⲕ
Sende Deinen Heiligen Geist vom Himmel herab auf diese Gaben, die vor Dir liegen.

Koptische Wandlungsworte

ⲫⲁⲓ ⲡⲉ ⲡⲁⲥⲱⲙⲁ ⲉⲧⲟⲩⲛⲁⲑⲁϣϥ ⲉϫⲉⲛ ⲑⲏⲛⲟⲩ
ⲫⲁⲓ ⲡⲉ ⲡⲁⲥⲛⲟϥ ⲛⲧⲉ ϯⲇⲓⲁⲑⲏⲕⲏ ⲙⲃⲉⲣⲓ ⲉⲧⲟⲩⲛⲁⲫⲟⲛϥ ⲉⲃⲟⲗ ⲉϫⲉⲛ ⲑⲏⲛⲟⲩ ⲛⲉⲙ ⲟⲩⲙⲏϣ
Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird.
Das ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und viele vergossen wird.

Besonderheiten der koptischen Liturgie

Längste christliche Liturgie: Die vollständige koptische Liturgie kann bis zu 4 Stunden dauern.

Reiche Symbolik: Ausgiebiger Gebrauch von Weihrauch, Prozessionen und liturgischen Gesten.

Starke monastische Prägung: Einfluss der ägyptischen Wüstenväter ist deutlich spürbar.

Äthiopische Anaphora des Apostels

Ge'ez - Altäthiopische Liturgie

ወንሴብሐከ እግዚኦ አምላክነ ዘአብጽሐከነ ንቅርብ ቅዳሜ መሥዋዕተከ ቅዱስ
Und wir preisen Dich, Herr, unser Gott, der Du uns nahe gebracht hast, vor Deinem heiligen Opferaltar zu stehen.

Äthiopische Epiklese

ወለዓሌነ ፈኑ መንፈሰ ቅዱሰ እምሰማይ ዘይቀድስ ዘንተ ቍርባነ
Und auf uns sende den Heiligen Geist vom Himmel, der diese Opfergabe heiligt.

Äthiopische Besonderheiten

Über 20 verschiedene Anaphorae: Die äthiopische Kirche kennt die größte Vielfalt an Hochgebeten.

Jüdische Einflüsse: Starke alttestamentliche Prägung, Sabbatfeier, Beschneidung.

Isolierte Entwicklung: Jahrhundertelange Isolation führte zu eigenständigen liturgischen Entwicklungen.

Epiklesis-Vergleich - Der Moment der Wandlung

Die zentrale Frage: Wann geschieht die Wandlung?

Die verschiedenen liturgischen Traditionen haben unterschiedliche Auffassungen über den Moment der eucharistischen Wandlung. Dies ist nicht nur liturgisch, sondern auch dogmatisch von größter Bedeutung.

Liturgische Tradition Wandlungsmoment Epiklese vorhanden? Einsetzungsworte Theologische Betonung
Römisch (Tridentinisch) Bei den Einsetzungsworten Nein (nur Quam oblationem) Konsekrierend Kraft der Worte Christi
Römisch (Novus Ordo) Bei den Einsetzungsworten Ja, aber nachgeordnet Konsekrierend Worte + Epiklese
Glagolitisch-Römisch Bei den Einsetzungsworten Nein Konsekrierend Identisch mit römisch
Byzantinisch (Orthodox) Bei der Epiklese Ja, zentral Narrativ Kraft des Heiligen Geistes
Byzantinisch (Katholisch) Gesamte Anaphora Ja, zentral Konsekrierend Synthesis
Armenisch Epiklese + Einsetzungsworte Ja, doppelt Konsekrierend Trinitarisch
Westsyrisch Bei der Epiklese Ja, sehr ausführlich Konsekrierend Pneumatologisch
Ostsyrisch (Addai/Mari) Gesamte Anamnese Ja, ohne Einsetzungsworte Fehlen Anamnestisch
Koptisch Epiklese nach Einsetzung Ja, sehr feierlich Narrativ-konsekrierend Alexandrinische Synthesis
Äthiopisch Variable je nach Anaphora Ja, vielfältig Unterschiedlich Pluriformer Ansatz

Römische Position

Moment: "Hoc est enim corpus meum"

Theologie: Die Wandlung geschieht durch die Kraft der Worte Christi selbst, gesprochen durch den Priester in persona Christi.

Dogma: Konzil von Trient bestätigt diese Lehre.

Byzantinische Position

Moment: "Μεταβαλὼν τῷ Πνεύματί σου τῷ Ἁγίῳ"

Theologie: Der Heilige Geist verwandelt die Gaben auf die Anrufung der Kirche hin.

Tradition: Seit dem 4. Jahrhundert konstant gelehrt.

Armenische Position

Moment: Doppelte Epiklese

Theologie: Vorbereitende und vollendende Geistanrufung umrahmt die Einsetzungsworte.

Synthesis: Verbindung östlicher und westlicher Elemente.

Syrische Position

Moment: Epiklese (Wyrisch) / Anamnese (Ostsyrisch)

Theologie: Pneumatologischer Schwerpunkt, teilweise ohne explizite Einsetzungsworte.

Besonderheit: Addai-Mari ohne Konsekrationsworte.

Alexandrinische Position

Moment: Epiklese nach Konsekration

Theologie: Sehr ausführliche Geistanrufung mit reicher Symbolik.

Praxis: Längste und feierlichste Epiklesen.

Glagolitische Position

Moment: Identisch mit römisch

Theologie: Römische Lehre in slawischer Sprache.

Bedeutung: Beweis für Universalität der römischen Position.

Ökumenische Implikationen

Die verschiedenen Auffassungen über den Wandlungsmoment sind nicht nur liturgisch, sondern auch dogmatisch bedeutsam. Die römisch-katholische Kirche hat in jüngerer Zeit eine größere Offenheit für die Gültigkeit östlicher Anaphorae gezeigt, besonders deutlich in der Anerkennung der Addai-und-Mari-Anaphora durch Kardinal Ratzinger im Jahr 2001.

Gemeinsame Elemente aller Traditionen:

  • Anamnese des Letzten Abendmahls
  • Intention, das zu tun, was Christus getan hat
  • Anrufung der göttlichen Macht (explizit oder implizit)
  • Opfercharakter der Eucharistie
  • Realpräsenz Christi im gewandelten Brot und Wein