Canon Romanus - Der klassische römische Kanon
Charakteristika des Römischen Kanons
- Alter: Kernbestand aus dem 4.-6. Jahrhundert
- Struktur: Keine explizite Epiklese, Wandlung durch Einsetzungsworte
- Opfertheologie: Explizite Opferterminologie vor und nach der Konsekration
- Besonderheit: Stille Rezitation, objektive Ordnung
Historische Dokumentation des Canon Romanus
Der Römische Kanon (Canon Actionis) ist das Herzstück der westlichen Liturgie. Seine Geschichte lässt sich über 1600 Jahre zurückverfolgen:
- 4. Jahrhundert: Der Hl. Ambrosius von Mailand zitiert in De Sacramentis bereits wesentliche Teile (Quam oblationem, Qui pridie).
- Sacramentarium Leonianum (Veronense): Die älteste Sammlung römischer Libelli (5./6. Jh.), dokumentiert in einer Handschrift des 7. Jh.
- Sacramentarium Gelasianum (Reg. lat. 316): Das wichtigste Zeugnis der presbyterialen Liturgie des 6. Jahrhunderts. Hier erscheint die Überschrift "Incipit canon actionis".
- Sacramentarium Gregorianum: Die Standardisierung unter Papst Gregor dem Großen (um 600), der die heute noch gültige Form der Heiligenlisten (Communicantes/Nobis quoque) festlegte.
Te igitur - Eröffnung des Kanons
Quam oblationem - Verwandlungsbitte (Römische "Epiklese")
Konsekration - Wandlungsworte
DAS IST DER KELCH MEINES BLUTES, DES NEUEN UND EWIGEN BUNDES: GEHEIMNIS DES GLAUBENS: DER FÜR EUCH UND FÜR VIELE VERGOSSEN WIRD ZUR VERGEBUNG DER SÜNDEN.
Grammatische & Philologische Anmerkung zum "QUI"
In der lateinischen Formel "Hic est enim Calix Sanguinis mei... qui pro vobis... effundetur" bezieht sich das Relativpronomen qui (maskulin) grammatikalisch eindeutig auf Calix (Kelch, maskulin).
Die Krux der Übersetzung: Wird qui mit "der" übersetzt, bezieht es sich auf den Kelch. Wird es mit "das" übersetzt, bezieht es sich auf das Blut. In der byzantinischen Tradition (Griechisch: to haima... to... ekchynnomenon) ist der Bezug auf das Blut (Neutrum) eindeutig. Im lateinischen Ritus bleibt durch die Maskulinität beider Begriffe (Calix/Sanguis) eine theologische Spannung, wobei die ältere deutsche Fassung oft "der" (Kelch) nutzte, während moderne Fassungen das "Blut" (das) betonen.
Unde et memores - Postkonsekriatorische Darbringung
Theologische Besonderheiten des Römischen Kanons
Keine explizite Epiklese: Im Unterschied zu allen östlichen Traditionen kennt der römische Kanon keine ausdrückliche Anrufung des Heiligen Geistes. Die Wandlung geschieht durch die Kraft der Einsetzungsworte selbst.
Opferterminologie: Sowohl vor ("sacrificia illibata") als auch nach ("hostiam puram") der Konsekration wird explizit von Opfer gesprochen - eine Klarheit, die in östlichen Liturgien oft weniger ausgeprägt ist.
"Pro multis": Die Formel "für viele" wird strikt beibehalten und hat soteriologische Bedeutung.